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Sophie Humer – holisticlove

Liebe Sophie, stell dich doch kurz vor. Wo lebst du und was machst du?

Ich lebe in Wien, bin Sexualpädagogin, Yogalehrerin, Naturwissenschaftlerin und eigentlich vieles mehr! Oft scherze ich: mein Leben geht auf keinen Lebenslauf. Ich tue alles was ich mache mit großer Freude. Was sich durch mein ganzes Tun oder generell mein Leben zieht, ist eine sehr starke Spiritualität. Ich lebe meine Visionen Schritt für Schritt. Sie treiben mich an und lassen mich authentisch sein.

 

“What’s your why?” – Wofür brennst du?

Mein „WHY“ würde ich derzeit mit einem Wort zusammenfassen: „Potentialentfaltung“.

Ich liebe es, unterschiedlichste Menschen kennen zu lernen, in ihre Visionen einzutauchen oder diese zum Vorschein zu bringen. Menschen haben in ihrer Einzigartigkeit so vielfältige Potentiale, oft fehlt nur der Zugang dazu. Ich finde es wunderschön das herauszuholen was da ist, Chancen zu zeigen und Mut zu machen. Entfaltung beobachten zu können oder auch zu begleiten, dafür brenne ich.

Eine Frage die mich selbst ständig begleitet ist: Who am I?

Ich empfehle jedem Menschen, sich diese Frage und die Frage des „Warum“ einmal oder mehrmals, oder vielleicht immer zu stellen. Warum bin ich, wer ich bin, warum tue ich, was ich tue und wofür lebe ich?

 

Sophie Humer - holistic love

Warum hast du dich für den Bereich Sexual Pädagogik entschieden? Was liegt dir bei dieser Arbeit am Herzen?

Den Weg zur Sexualpädagogik habe ich über meine Liebe zum eigenen Körper und die intensive Auseinandersetzung damit gefunden, die Leidenschaft zu unterrichten und Wissen weiterzugeben. Es gibt, finde ich, eine riesige Notwendigkeit in diesem Bereich kollektiv so vieles anzusprechen und definitiv auch zu heilen.

Wohl auch aufgrund eigener Erfahrungen, liegt mir ganz besonders am Herzen jungen Menschen Ängste und Unsicherheit zu nehmen und Mut zu geben. Mut zum „Ja“ zu sich selbst, aber auch Mut zu einem klaren „Nein“: denn auch wenn man schon einmal „Ja“ gesagt hat, hat man jederzeit das Recht auch wieder „Nein“ zu sagen.

Es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn Menschen Sexualität nicht leben. Es geht für mich beim Thema Sexualität um viel mehr als Masturbation und Geschlechtsverkehr. Es geht um gelebte Sinnlichkeit und eine unendliche Freude am Leben. Das zu thematisieren, liegt mir am Herzen!

 

Sophie Humer - holistic love

Welche Rolle spielen Frauen* in deiner Arbeit? Welche Themen behandelst du, wenn du mit Frauen* arbeitest?

Ich möchte Frauen* einerseits in ihrem Sein und Tun bestärken und andererseits das riesige Potential von Sexualität näherbringen. Vor allem weibliche Sexualität findet noch viel zu wenig Beachtung. Es gibt noch so viel Tabuisierung, Facetten der weiblichen Sexualität, denen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, oder die nicht angesprochen werden. Ich denke da zum Beispiel an weibliche Ejakulation, die sich nicht nur durch „fontänen-haftes“ Spritzen sondern auch durch wenig Flüssigkeit, meist unabhängig von einem Orgasmus, zeigen kann. Weibliche Ejakulation ist oft nicht bekannt, Frauen* werden mit Vorwürfen sie hätten sich angepinkelt konfrontiert. Scham. Das Wissen über diesen „Freudenfluss“, wie es Laura Méritt so schön benannt hat, ist komplett in Vergessenheit geraten. Was nicht bedeutet, dass dies ein „Skill“ ist, der erlernt werden muss! Es geht für mich dabei viel mehr um eine Selbstermächtigung, mir eine Fähigkeit zurück zu erobern, die Frauen* abgesprochen wurde. Darüber spreche ich mit Frauen* unter anderem. Es gibt die weibliche Sexualität betreffend unglaublich viele Themen. Von Zyklusthemen – wie lebe ich mit meinem Zyklus? – ich plane mir zum Beispiel Vorträge am liebsten rund um meinen Eisprung – bis hin zu Verhütungsmöglichkeiten, the good old STIs, Beziehungsthemen, oft auch die Entwicklung eines eigenen Beziehungskonzepts – und Themen wie Mutterschaft, gesellschaftlicher oder familiärer Druck diesbezüglich, Selbstbilder, spirituelle Themen.

Ich möchte jedenfalls Antworten geben oder Möglichkeiten zur Antwortfindung zeigen. Eigene Erfahrungen zu teilen und mit den Erfahrungen anderer Frauen* zu wachsen, sehe ich als wunderschöne Chance sich gemeinsam zu entwickeln und kollektiv zu wirken. Das Potential der Verbundenheit ist bei meiner Arbeit ein sehr wichtiger Aspekt für mich.

 

Sophie Humer - holistic love

 

Wir haben beobachtet, dass es Frauen* gibt, die sich nie mit ihrer Vulva auseinandergesetzt haben. Ein Körperteil, das zur “Tabu-Area” deklariert wurde. Wie siehst du das? Welche Erfahrungen hast du in deiner Arbeit mit Frauen* gemacht?

Vulva ist meiner Meinung nach noch nicht in unseren Sprachgebrauch integriert. Über Generationen hinweg hatten Frauen* keinen Namen für ihre äußeren Geschlechtsorgane. „Da unten“ – da stellt’s mir immer alle Haare auf – wird noch immer viel zu oft gesagt, wenn eigentlich die Vulva gemeint ist. Vor allem jungen Mädchen fehlt ein Wort für ihr Geschlecht. Das Wort Vulva zu verwenden ist auch für viele Erwachsene noch immer schwierig. Viele kennen dieses Wort nicht einmal. Fehlt dieses Wort, fehlt auch der Zugang oder auch die Natürlichkeit sich die eigene Vulva genauer anzusehen. Ich möchte Frauen unterstützen und bestärken in einer Natürlichkeit in ihrem Körper zu sein. Lustvoll in ihrem Körper zu sein.

 

Sophie Humer - holistic love

Stichwort “Female Pleasure”: Wir haben am 22.10. einen gemeinsamen Workshop geplant. Was dürfen die Teilnehmerinnen* denn erwarten?

Ich möchte keine Erwartungen schüren, aber einen Raum geben, um in eine Präsenz zu finden und sich zu öffnen für das, was da sein mag. Es wird ein sehr schöner (Online-) Raum. Jede Teilnehmerin* kann in sich selbst eintauchen und erkunden, was da ist, was erwachen kann oder möchte, und was sich mit dieser Öffnung auf allen Ebenen tun kann. Ich werde Wissen teilen, aktivierende und meditative Übungen anleiten und auch gerne Fragen beantworten.

 

Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

Mit den Begriffen Weiblichkeit und Männlichkeit tu ich mir einerseits sehr schwer, wie generell mit Polaritäten. Mein Weg ist ein Weg des Herzens und der Einheit. Andererseits beschäftigen mich diese Polaritäten auch irgendwo.

Weiblichkeit macht sich für mich klarerweise nicht an einem äußeren Erscheinungsbild fest. Ich verbinde damit innere Wesenszüge und Qualitäten, die unabhängig von einem Geschlecht in einem Menschen vorhanden sind. Raum geben zu können, entstehen zu lassen und auch Verbindung zu schaffen. Das weibliche Prinzip ist für mich kein kämpferisches, sondern ein intuitives, sanftes, nährendes.

 

Sophie Humer - holistic love

 

Welche Werkzeuge helfen dir, zurück in deine Mitte zu finden?

Zurück in meine Mitte finde ich meistens durch Rückzug in die Stille. Das kann ein Meditationszentrum, die Natur oder meine kleine feine Höhle über den Dächern Wiens sein. Genauso brauche ich oft aber auch einen körperlichen und wilderen Zugang, um wieder richtig zu mir zu finden. Das kann dann schon auch mal in stundenlanges, ekstatisches Tanzen inmitten einer Vielfalt an Menschen ausarten. Unabhängig und frei sein, aber verbunden. Das liebe ich, das brauche ich.

 

Sophie Humer - holistic love

Wer oder was inspiriert dich?

Begegnungen aller Art. Jede Begegnung passiert in meiner Sichtweise nicht ohne Grund. Ich finde so viel Inspiration durch Menschen, die meinen Weg kreuzen, warum und auf welche Weise auch immer. Ich beobachte so gerne wie Menschen leben, wofür Menschen brennen, was sie antreibt und wie sich entwickeln. Das inspiriert mich.

Vielen herzlichen Dank liebe Sophie!

 

Fotos: Susanne Einzenberger

holisticlove.at

instagram.com/sophie.holisticlove