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Leni Charles und Cherrellone – kids of the diaspora

Liebe Leni, liebe Cher! Stellt euch unseren Leserinnen doch einmal kurz vor. Wer seid ihr und was macht ihr? 

Ich bin Leni Charles (Charlene) und bin 29 Jahre alt. Vor ein paar Jahren habe ich das Movement kids of the diaspora gestartet. Davor arbeitete ich als Kreativ- und Artdirektorin in meinem ehemaligen Design Studio studiounlabeled. Heute verbinde ich meine Leidenschaft mit meiner Expertise, da kids of the diaspora nun auch ein Creative Studio ist.
Neben unserer Streetwear Collection kreieren wir auch Visual Identities für Künstler, Unternehmen und Kulturorganisationen, dessen Mindset dem von KOTD entspricht.

Cher: Ich bin Cherrellone, Lenis Schwester. Ich caste von Beruf – für Werbung, Film und Fernsehen. Bin aber eigentlich Sängerin, was ich viel zu sehr vernachlässigt habe und deshalb kommen demnächst neue Songs. Außerdem baue ich mit meiner Schwester gerade die Agentur kids of the diaspora auf.

 


Wie bringt ihr Job und Privatleben unter einem Hut?

Cher: Ich glaube, ich bin an dem Versuch kläglich gescheitert. Ich hatte alles: einen Vollzeitjob, einen Nebenjob, diverse Kunstprojekte, einen Haushalt, eine Beziehung, jüngere Schwestern, eine große Familie und auch Freundschaften, die gepflegt werden wollen. Bei den meisten Frauen kommen da noch die Kinder mit ihren Bedürfnissen dazu. Für mich war klar, das soll nur eine Phase sein, in der ich mir ein Stück Freiheit aufbaue, eigentlich um wiederum alles in die Kunst zu investieren, Aber der Preis war leider sehr hoch.

Ich habe vor lauter mich um alles und alle kümmern, selbst vernachlässigt. Das passiert sehr vielen Frauen. Meine Oma ist 86 und hat eigentlich immer nur für alle anderen gelebt. Ich wünschte so sehr, sie hätte irgendeinen Wunsch, den wir ihr erfüllen könnten, der nichts mit dem Wohlsein ihrer Kinder und Enkel zu tun hat.

Meine Mutter ist auch so eine Übermutter mit ähnlichen Tendenzen. So dankbar ich für ihre Hilfe bin und so sehr ich sie auch brauche, bin ich extrem froh, wenn sie mal einfach mit ihren Freundinnen einen drauf macht oder sich was Schönes kauft. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich zusehe, wie Frauen sich verausgaben. Ich glaube das ist weil das Nährende einfach in unserer Natur liegt.

Meine Wende kam plötzlich und unerwartet mit meiner Schwangerschaft. Von dem Punkt an hat mir das Universum sehr viele Entscheidungen abgenommen und alles hat sich neu geordnet. Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich aufs Wesentliche, nämlich auf meine Gesundheit und die meines Kindes zu konzentrieren. Ich möchte das mit den utopischen Ansprüchen an mich selbst in Zukunft lassen, so dass auch niemand anderer mehr utopische Ansprüche an mich hat. Wenn alle ein bisschen mehr Eigenverantwortung tragen würden, bliebe nicht mehr so viel an den Müttern, Ehefrauen, Freundinnen hängen. Das ist die Schwäche der Frauen, zu denken wir müssen trotz beruflicher Verpflichtungen für alle stark sein. Das auszunützen ist eigentlich ein gesellschaftliches Verbrechen.

 

 

Leni: Ich bin ein Familienmensch und demnach steht mein Privatleben an oberster Stelle. Ich weiß wie schwierig die Work-Life Balance bei einem Job mit strikten Arbeitszeiten ist und diesen Preis wollte ich einfach nicht bezahlen. Deshalb bin ich schon seit Jahren selbständig. Mein engerer Freundes- und Familienkreis ist ebenso selbständig und oft mischen sich die Grenzen von Geschäftsleben und Privatleben. Das ist auch nicht immer einfach, aber ich liebe, was ich tue und es passiert nicht selten, dass ich bis in die Nacht arbeite. Dass man sich seine Zeit selbst einteilen kann in der Selbständigkeit, hat eben Vor- und Nachteile. Mein Verlobter ist auch selbständig und seine Wochenenden sind arbeitsintensiv, deswegen ist Samstag und Sonntag oft auch für mich ein reiner Workday. Wir haben beide großes Verständnis für unsere Berufe, deshalb bringen wir alles mehr oder weniger unter einen Hut. Falls die Balance aus den Fugen gerät, muss man eben für Gleichgewicht sorgen und zusammenhalten. 

 

Was bedeutet Weiblichkeit für euch?

Cher: Weiblichkeit wird mit weichen, nährenden, sanften Attributen verbunden, andererseits gibt es das Bild der Furien, die vor lauter Leidenschaft und Liebe Morde begehen. Ich denke beide Extreme stecken in jeder Frau. Sodass Weiblichkeit ambivalent ist. Ich denke das Weiblichste, was eine Frau tun kann, ist „ihren Mann zu stehen“ und zu erkennen, dass das Männlichste was sie tun kann, „ihre Frau zu stehen“ ist.

Leni: Weiblichkeit bedeutet für mich ein ganzes System an Kräften. Unsere Gebärmutter hat Kräfte, die dem Universum gleichen. Meine Tante ist Nummerologin und meinte, die Mondphasen wären direkt mit dem Zyklus verbunden, vor allem bei sehr empfänglichen, intuitiven Frauen. Mich inspiriert die angeborene Spiritualität und biologische Kraft einer Frau sehr.

 

Wie lebt ihr euer Frau-Sein? 

Cher: Ich bin am bisherigen Höhepunkt meiner Weiblichkeit angekommen, im 9. Monat schwanger. Ich lebe mein Frau-Sein im Einklang mit meiner Intuition, meinem Bauchgefühl.

Leni: Momentan so intensiv wie noch nie. Ich bin gerade im 7. Monat schwanger und genieße jeden Tag mit meiner Kleinen. Ich merke einfach, je älter ich werde, dass Frau-Sein auf so vielen Ebenen gelebt werden kann. Und jetzt bekomme ich auch noch ein Mädchen, ich kann kaum erwarten sie auf ihrem Weg zu begleiten.

 

Worin besteht euer Sinn des Lebens?

Cher: Ich weiß es nicht. Seitdem ich ein Kind bekomme, werfe ich alle Theorien, die ich zuvor hatte über Bord. Aber ich denke, der Sinn des Leben ist, seine Liebe dort hinzutun, wo sie hingehört. 

Leni: Ich denke den Sinn des Lebens kann man nicht verallgemeinern. Mein persönlicher Sinn des Lebens entwickelt sich mit mir mit. Grundsätzlich werde ich nie aufhören nach dem höheren Selbst zu streben.

 

Habt ihr eine Vision in dieser Welt? 

Cher: Wenn ich mir eine Welt für meinen Sohn wünschen könnte, dann eine in der ich wüsste, er wäre in allen Ecken dieser Welt willkommen und würde niemals mit jeglicher Art von Diskriminierung konfrontiert werden. Ich weiß zum Beispiel wie sich Rassismus anfühlt und was es mit einem macht und das kann man eigentlich keinem Kind von 0-100 zumuten.
Leni: Ich sehe das ebenso. Deswegen haben wir unsere Vision in die letzte Kollektion eingebaut: „Deconstructing the Concept of Minorities“ with the united powers of kids of the diaspora!  

 

Was war für euch bis jetzt die größte Herausforderung imLeben? 

Cher: Zu verstehen, dass ich für die Trennung unserer Eltern keine Schuld trage.
Leni: Auf mein Inneres zu hören und zu lernen, was das Beste für mich ist.

 

Wie sieht euer Alltag aus? Habt ihr Rituale, die ihr uns verratet? 

CherIch hatte bisher wirklich einen vollen Terminkalender und einfach nur versucht alle Tasks abzuarbeiten. Das wird sich aber ändern und ich würde gerne demnächst ein Morgenritual einführen. Um 6 Uhr aufstehen, meditieren, kurz in den Park, ein paar Übungen am Klavier, frühstücken und meine Gedanken aufschreiben, bevor der Tag beginnt. Und am liebsten würde ich täglich ins kalte Wasser springen und ein wenig schwimmen vorm Schlafengehen. Aber ich bekomme ein Kind. Ich habe gehört, das gibt dann eher den Ton an. Noch bin ich guter Dinge für mein zukünftiges Ritual.

 

 

Leni: Momentan sieht mein Alltag so aus: Um 8:00 stehe ich auf, nehme meine Vitamine und frühstücke ausgiebig. Ich bin kein Fan mehr von Intermittend Fasting. Das hab ich mein Leben lang davor gemacht – nur nicht so genannt. Aber ein ausgewogenes Frühstück ist bei mir die Basis für einen erfolgreichen Tag. Danach fahre ich in den KOTD Showroom und setze mich vor den Laptop und arbeite die wichtigsten Tasks ab. Währenddessen habe ich dort auch Meetings oder ich besuche die Schneiderei. wo meine Kollektion geschneidert wird. Danach fahre ich heim und arbeite weiter. Ich koche eigentlich jeden Tag am Abend. Das entspannt mich, wenn ich alle Zutaten daheim habe. Vor meiner Schwangerschaft hatte ich Boxunterricht bei Abey, meinem Onkel, der ehemaliger Boxprofi ist. Ein 90-minütiges Training am Freitag, Samstag und Sonntag. Das fällt gerade weg und ich bin auf der Suche nach einem sportlichen Ausgleich während meiner Schwangerschaft.

 

Welche Tools helfen euch, zurück in eure Mitte zu finden? 

Cher: Musik machen! Am liebsten mit @Decco. Und Yoga, am liebsten mit @katielafolle. Wirklich zentrierend wirkt ein Familientreffen. Die erlauben keine Höhenflüge und dulden keine Tiefstürze. Ich glaub eine solide Homebase ist die Voraussetzung für Ausgeglichenheit.

Leni: Ausgiebiger Schlaf, putzen, meine Playlist, gesundes Essen, Fitness Boxen, Hair Care, tiefsinnige Gespräche, meinen Schrebergarten besuchen und neue Pflanzen setzen.

 

Wofür seid ihr heute dankbar? 

Cher: Für meine Familie und Freunde. Meine Liebe und Dankbarkeit wächst jeden Tag ein bisschen mehr. Und für meine Privatversicherung.
Leni: Für mein Baby im Bauch, da es nicht selbstverständlich ist und meinen starken Familienzusammenhalt. Für all meine Schwestern. Und all die Herzen, die sich kids of the diaspora angeschlossen und geöffnet haben.

 

Was bringt euer Herz zum Lachen? 

Cher: Gott sei Dank wieder jede Kleinigkeit. Ich war ja auch in einer Comedy Rap Band, Mizgebonez. Das war überhaupt die lustigste Zeit. Ich lache wirklich über alles Mögliche: lustige Videos, Witze, Memes, Aussagen, lustige Geräusche, KabarettistInnen, PolitikerInnen. Je banaler desto lustiger. Ich kann schon auch ernst sein, aber ich habe Gott sei Dank sehr viel Humor. Ich kann auch sehr gut über mich selbst lachen. Das ist wirklich praktisch, da kommt man schneller über Dinge hinweg.

Leni: Der Humor von meinem Verlobten Paul Blaze – er bringt mich seit gut 10 Jahren zum Lachen und wir haben schon viel gemeinsam erlebt. Trevor Noah, die Memes-Insta-Gruppe von meinen Schwestern und Christl Clear.

 

Wo findet ihr Inspiration? 

Cher: Ich weiß es wirklich nicht. Seit neuestem findet sie eher mich – in meinen Träumen.
Leni: In meinen roots, in my black culture. It’s my source energy ever since. 

 

Was würdet ihr aus heutiger Sicht deinem 15-jährigen Selbst raten? 

Cher: Du bist super, lass dir auch in Zukunft keinen Blödsinn einreden und schau dass du in 15 Jahren noch genau so bist.
Leni: Sei nicht so traurig und glaub mehr an dich. Du wirst sehen, dass deine Fantasie deine wahre Stärke ist. Alles andere wirst du noch lernen.

 

Vielen lieben Dank ihr Zwei!

 

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Fotos von @selinasophie